Autobiografie

Erinnerungen von Alexei Pawlowitsch Belych

Im Jahr 2008, drei Jahre bevor Alexei Pawlowitsch Belych sein 85. Lebensjahr vollendete, schrieb er diese Erinnerungen nieder. Sie erzählen von seiner Kindheit in einem kleinen Dorf im Gebiet Orjol, den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, dem Weg zur Kunst und dem Leben in Kostroma, das zur Wahlheimat seiner künstlerischen Laufbahn wurde.

Kindheit und Familie

Ich, Alexei Pavlovitch Belych, wurde 1923 in einer kinderreichen Familie geboren im Dorf Krutetz, im Kolpnianskii Raion im Gebiet Orlowski.

Mein Vater Pavel Petrovich war Schreiner und Kunsttischler. Meiner Meinung nach war er ein bemerkenswerter Meister seines Faches. In meiner Kindheit erinnere ich mich, dass er fast die ganze Zeit hinter der Werkbank oder der Drechslerbank stand.

Unsere Bauernkate bestand aus drei Teilen – der Wohnraum mit dem Ofen, mit den Hängepritschen und den Betten in der Mitte – die Diele und die gute Stube und der ungeheizte Teil des Hauses, wo die Werkbank stand. Mir erschien eine so große und komplizierte Anlage wie diese Werkbank, mit den beiden hölzernen Gewinde, mit welche man Bretter zusammenpressen konnte und Kanthölzer verschiedener Sorten hobeln, sägen, meißeln konnte. Überhaupt, um unentbehrliche Dinge für den Hausgebrauch zu machen, wie Stühle, Truhen, Hocker, Fensterrahmen. Meine frühe Kindheit verging mit dem Geräusch des Hobels und der Säge und durchtränkt vom Geruch der frischen Hobelspäne und dem heißen Tischlerleim.

Mama, Natalia Ilinichna Belych, führte diesen ganzen Haushalt. Wir waren sechs Brüder. Man musste uns Kleider und Schuhe geben und nähen – ja nicht wenig, was man tun musste für diese störrischen Kinder, die unverschämt erwiderten wenn jemand ihnen sachlich sagte was sie zu tun hätten.

Als der älteste von uns Nikolai das 18. Jahr vollendete, wurde er mit Varuschka, einem Mädchen aus dem Nachbardorf Buchtjarovo verheiratet, auch damit sie der Mutter beim Haushalt helfe. In der Lehranstalt unterrichtete uns im Fach Zeichnen und Kriegskunde der renommierte Künstler Boris Petrovitch Volkov. In der Zeit in der er nicht unterrichtete, gab er Zeichenunterricht einem kleinen Kreis von Amateuren. Ich war sein Lieblingsschüler. Es wäre alles gut geworden, hätte nicht der Krieg angefangen.

Der Krieg

Die Stadt Orjol wurde von feindlichen Landungstruppen besetzt und Livni und unsere Dorf waren plötzlich Hinterland des Feindes.

Jede Beschäftigung kam zum Erliegen, wir waren im besetzten Gebiet, obwohl wir selber keine Deutschen gesehen hatten. Ich erinnere mich, dass im Winter 1941 unser „Kindermädchen" Vera zu uns gerannt kam und erzählte, dass auf der Straße zwei berittene Deutsche irgendetwas Unverständliches sagten. In der kalten Winterluft rannte ich auf die Straße und durch die Gemüsegärten und sah eine lange Kolonne Soldaten und diese zwei Männer versuchten den Weg nach Buchtiariovo rauszubekommen. Und ich begriff, dass sie sich zurückgezogen hatten.

Am Morgen, auf selbstgebastelten Schiern, ging ich aus dem Dorf heraus, hinter den Gemüsegärten und sah: das ganze Nachbardorf Burichki brannte. Die Deutschen zündeten und verbrannten alles beim Rückzug. Unser Dorf haben sie auch abgebrannt. Bis heute sehe ich noch vor meinen Augen diese Soldaten-Brandstifter in Reihe und Glied, die alles anzündeten. Sie gingen bis zum Ende unseres Dorfes, das sind 35 Häuser in einer Reihe am Ufer des Baches Krutez. Unsere Hütte war irgendwo in der Mitte. Sie zündeten sie an und gingen weg und sagten, dass sie morgen wieder kämen und alle nach Deutschland jagen würden.

Wir blieben trotzdem und versuchten irgendwie unser Haus zu retten. Neben dem Haus war der Brunnen. Der Vater kletterte auf den Brunnenaufbau und ich schöpfte aus dem Brunnen einen Eimer Wasser nach dem anderen und reichte sie hoch. Irgendwie haben wir versucht noch etwas vor dem Feuer zu retten. Ich habe fast den ganzen Brunnen leergeschöpft. Die Kleidung, die ich anhatte, war gefroren, gerade so wie die Rüstung eines alten Ritters.

Dann sah ich hinter dem Gemüsegarten irgendeine Bewegung. Unbeobachtet ging ich etwas näher – zwei berittene Männer. Plötzlich hörte ich wie einer etwas auf Russisch sagte. Also waren das unsere Leute. Ich sprang von meinem Versteck auf und rannte zu ihnen. Das waren unsere Kundschafter. Ich berichtete ihnen unsere Lage. Sie sagten mir: „Rede kein dummes Zeug, Junge, morgen sind wir hier." Und richtig, die Nacht verbrachten wir im Vorratskeller, die Hände wärmend über glühende Kohlen. Ich hörte wie Vater schrie: „Kriecht heraus, die Unseren sind gekommen!" So feierte ich das Neue Jahr 1942.

Dann ging ich mit meinem älteren Bruder Ivan zu Fuß nach Livni zum Kriegskommissariat. So begann mein militärisches Leben, das bis März 1947 andauerte.

Ich erinnerte mich eines Vorfalls. Unser Militärzug hielt sich an irgendeiner kleinen dunklen Eisenbahnstation auf. Ich war müde und schlief ein. Ich höre: „Aussteigen! Einreihen!" Ich stand auf, meine Mütze war verschwunden, draußen war es sehr kalt. Ich hatte einen kleinen Beutel, genäht aus einem Waffelhandtuch, in dem uns Mutter etwas Proviant für die Reise mitgegeben hatte. Ich wickelte ihn wie ein Turban um den Kopf. Der politische Leiter kam auf mich zu und fragte mich: „Nazmien?" – „Ja, nein, jemand hat meine Kappe in der Nacht gestohlen." – „Kannst Du zeichnen?" – „Woher wissen sie das?" So ging es los. Anstatt zu lernen wie man mit dem Maschinengewehr „Maxim" umgeht, musste ich das Lenin-Zimmer ausstatten, die Wandzeitung „Der Maschinengewehrschütze" gestalten.

Danach wurde die 2KAU (zweite Kiever Artillerieschule) nach Razboischina bei Saratov evakuiert. Nach sechs Monate intensiver Lehre war ich am 15. Januar 1943 Leutnant der Artillerie. Am Ende des Krieges war ich Oberstleutnant mit dem Dienstgrad eines Majors des 88. Artillerie-Regiments, 38. Gardeschützendivision.

Studium in Moskau

Der Krieg endete und die zu groß ausgebreitete Armee musste aufgelöst werden, aber ich wurde aus dem Regiment nicht entlassen. Ich wollte in Friedenszeiten nicht in der Armee bleiben. Überhaupt gelang es mir nur mit Mühe den Dienst zu quittieren. Von 1946 bis 1958 lebte ich in Moskau und arbeitete im Klub der Fabrik „Rote Textilarbeiter". Ich gestaltete Plakate, Spruchbänder und Werbung für Kinofilme. Gleichzeitig von 1952 bis 1958 lernte ich im Moskauer Staatlichen Kunstinstitut, genannt nach W. I. Surikow.

Leben und Schaffen in Kostroma

Als ich das Institut beendet hatte, wurde ich als Lehrer an der Kunstschule N. P. Schleina eingeteilt und nach Kostroma geschickt. Ich wurde dort sehr gut empfangen. Ich wohnte neben der Schule im vorherigen Arbeitszimmer des Direktors A. I. Buzin. Zur selben Zeit machte ich die Bekanntschaft mit anderen Künstlern. Der Direktor der Künstlergalerie, der Bildhauer A. V. Schepiolkin, erwies sich als mein Schulkamerad.

Ich erinnere mich an einen lustigen Vorfall. Wir besprachen Landschaftsskizzen zu malen. Ich freute mich außerordentlich irgendwohin in den Wald oder sogar zum Ufer der Wolga zu gehen um zu malen. Wir fuhren zu irgendeinem Onkel Vasia. Ich ging raus auf Motivsuche, um mich am Anblick zu erfreuen. Ich näherte mich und sah viele Fische, die in einer Plane geschüttet waren. Am Abend haben wir uns ordentlich im Herbstwald am Ufer des Flusses betrunken. Liedern singend kamen wir zurück nach Hause. Überhaupt war diese Bekanntschaft sehr gelungen und die frische Fischsuppe hat sehr gut geschmeckt.

So war das. Nach Beendigung des Instituts wurde ich nach Kostroma geschickt und gleich bekam ich den Auftrag das Portrait einer fleißigen Melkerin zu malen. Die Sowchose „Karavajevo" war weit und breit bekannt, man kann sagen, auf der ganzen Welt. Plötzlich, von unter der Kuh her, blitzten hell grau-blaue Augen der kleinen Melkerin Rojina zu mir empor. Dann malte ich sie direkt bei ihr zu Hause mit nur einer Sitzung. Das Portrait befindet sich im Museum für darstellende Kunst in Kostroma.

Die Wolga! In den kalten Novembertagen sah ich wie Frauen im geheizten Schleppkahn die Wäsche wuschen, sie dann im kalten Wasser spülten und sich dann die Hände zwischen den Knien wärmten. „Wir frieren nicht leicht an den Händen!" Sie lachten. So entstand das Bild „Abend an der Wolga".

Im Auftrag des Regionalkomitees wurde ich zu der Antropowski Holzindustrie geschickt und zum erstem Mal sah ich echte Holzfäller, Querschneider, Pfade und Lager – das alles sah ich überhaupt zum ersten Mal und ich begeisterte mich richtig. Irgendwann in der Pause sagten sie mir: „Lass ihn gehen. Er langweilt uns mit seiner Nörgelei. Aber wir können für dich Modell stehen." Da habe ich verstanden, dass sie mich als ihresgleichen betrachteten. So entstanden die Bilder „Holzfäller", „Junge Brigade", dann „Flößer" und unzählige Studien.

1960 wurde ich als Mitglied in den Künstlerverband der UdSSR aufgenommen und 1962 wurde ich zum Vorsitzenden der Künstlerorganisation von Kostroma gewählt, wo ich 25 Jahre lang gearbeitet habe.

Die Akademitschka

1962 kam ich zum ersten Mal in die „Akademitschka". So wurde das Haus des künstlerischen Schaffens schlicht „Akademische Datscha" genannt. Dieser bekannte und wunderschöne Ort befindet sich am See Mstinko nicht weit von Wyschnij Woloschok im Twersker Gebiet. Dort kam alle zwei Monate eine Gruppe von 50 bis 60 Künstlern zusammen, die im Freien arbeiteten. Wir arbeiteten vom Morgen bis zum Abend und bald war klar zu sehen wer es schafft und wer nicht. Sie lernten in der Natur und voneinander.

Der Vorsitzende der Kommission war fast immer Ju. P. Kugatsch. Der künstlerische Leiter war W. M. Sidorow. Überhaupt gefiel mir, ich weiß nicht mehr warum, dass sie mich zum „Kulturminister" bestimmt hatten.

An den Samstagsabenden wurden verschiedene gesellige Abende in der Werkstatt organisiert. Wir tanzten, sangen Lieder und Tschastuschki. Ich als „Kulturminister" musste das alles organisieren.

Einmal ging die turnusmäßige Gruppe zu Ende. Der künstlerische Leiter war damals ein bemerkenswerter Künstler aus Leningrad, W. F. Sagonek. Er sagte: „Ja, warum suchen! Hier steht Alexei Belych – schon ein fertiger Chudruck." So kam es, also arbeitete ich ständig als Kunstleiter fast ohne Pause, bis kurz vor 1991. Das letzte Mal wurde ich noch im Jahr 2000 dorthin eingeladen.

„Akademitschka" war keine Hochschule, obwohl es eine sehr große Schule war. Aber die Zeit vergeht und vieles ändert sich allmählich. Es wäre schön wenn sie der neuen Studenten-Generation den Weg, auf dem schwierigen Pfad der darstellenden Kunst, erleuchten würde und helfen würde, den schmalen Grat des eigenen Weges zu finden. Das ist die Hauptsache.

Ich werde dieses Jahr, wenn Gott will, meinen 85. Geburtstag feiern. Ich bin älter geworden als meine Eltern, habe sogar einige meiner Schüler überlebt. Wie man sagt: „Durch Feuer, durch Wasser und die Kupferrohre gegangen." Aber noch glüht die Seele und möchte etwas ganz besonders Gutes machen, so dass die Leute beim Ansehen Freude empfinden könnten.

Kostroma, 2008